Heute startet das Bündnis „Reclaim Your Face“ eine Europäische Bürgerinitiative zum Verbot biometrischer Massenüberwachung. Der Chaos Computer Club (CCC) und mehr als vierzig weitere europäische Organisationen rufen dazu auf, die Petition mitzuzeichnen.

Die Initiative soll das Thema biometrische Massenüberwachung auf die politische Tagesordnung in Brüssel setzen und den zuletzt unregulierten Wildwuchs stoppen. Die europaweite Petition kann unter reclaimyourface.eu gezeichnet werden.

Zunächst müssen innerhalb eines Jahres eine Million Unterschriften in mindestens sieben EU-Ländern gesammelt werden. Wird dieses Ziel erreicht, muss die EU-Kommission die Organisatorinnen der Initiative treffen. Außerdem muss die Kommission nach einer öffentlichen Anhörung im Europäischen Parlament ihr weiteres Vorgehen im Sinne der Initiative erläutern. Auf diese Weise wollen wir ein Moratorium für sämtliche Versuche mit dieser Risikotechnologie erreichen.

Illegale Testballons

Und die Zeit drängt dabei: Schon jetzt werden wir als biometrische Versuchskaninchen missbraucht. Zwielichtige Unternehmen wie Clearview AI oder pimeyes bauen weitgehend unbehelligt illegale Gesichter-Datenbanken auf. Manche wollen auf Grundlage biometrischer Daten sogar die politische Einstellung erkennen. Vermeintlich intelligente Kameras sollen an unseren Bewegungen nonkonformes und verdächtiges Verhalten ablesen, um unser "Sicherheitsgefühl" zu verbessern. Die europäische Push-Back-Agentur Frontex würde am liebsten einen perversen Strauß von Überwachungstechnologien einsetzen, einschließlich hochauflösender Kameras mit Gesichts-, Muster- und Verhaltenserkennung, mit Satelliten und Drohnen.

Tracking wie im Online-Leben

Online wird schon jetzt jeder unserer Schritte erfasst. Die dabei anfallenden Daten sind speicherbar und für die einfache Analyse vorbereitet. In der offline-Welt ist das noch nicht so einfach: Die vielen Kamera-Systeme sind nicht vernetzt und produzieren zu viele Daten, um sie massenhaft analysieren zu können. Wir denken, das ist kein Nachteil, sondern ein Vorteil: Die Massenüberwachung des öffentlichen Raumes wird dadurch verhindert. Durch biometrische Überwachung würde die vernetzte, zentrale und allumfassende Erfassung auch unseres offline-Alltags Realität.

"Biometrische Überwachung bringt allgegenwärtiges Tracking, so wie wir es im Internet kennen, in die offline-Welt", sagte Matthias Marx, Sprecher des Chaos Computer Clubs. "Damit könnten wir uns nirgendwo mehr frei und unbeobachtet bewegen."

Der vermessene Körper

Biometrische Daten sind besonders sensible Daten über unveränderbare Charakteristika unserer Körper und unseres Verhaltens. Sie erfassen unsere Gesichter, Augen, Venen oder Stimmen. Auch unser Gang oder unser Tippen auf einer Tastatur lässt sich eindeutig erkennen. Anhand dieser "Fingerabdrücke" können Menschen oft schnell und eindeutig identifiziert werden. Wie auch unsere Fingerabdrücke können wir die dazugehörigen Eigenschaften nicht einfach verändern. Die Verfahren, mit denen die biometrischen Daten verarbeitet werden, sind oft fehleranfällig und diskriminierend, obendrein ist deren Funktionsweise für Dritte häufig nicht nachvollziehbar. Gepaart mit einer ungerechtfertigten Technikgläubigkeit birgt dies immense Risiken und kann auch Unschuldige ins Gefängnis bringen.

Unterstützen

Wichtigster Schritt für jede Einzelne: Bürgerinitiative unterzeichnen.

Organisationen können die Initiative ebenfalls unterstützen.

Darüber hinaus können Einzelpersonen mit wenig Aufwand selbst Informationsfreiheitsanfragen stellen oder Unternehmen nach den bei ihnen gespeicherten personenbezogenen Daten fragen, um zu dokumentieren, wo und wie heute schon biometrisch überwacht wird.